… eine lang ersehnte Heimkehr.

An der Eingangstür einer sehr kleinen Wohnung in Graz hörte Maria ein zaghaftes Klopfen und öffnete … 

Die Kampfhandlungen des zweiten Weltkriegs waren in Europa seit vier Jahren und fast sechs Monaten vorbei, als Michael nach seiner Gefangenschaft in Russland den Weg nach Graz und somit nach Hause gefunden hatte. Die verschmutzten Kleider hingen an seinem dünnen Körper wie an einer Vogelscheuche. Mit seinen 1,78m Körpergröße und seinem Alter von siebenunddreißig Jahren, war er mit 48kg Gewicht tragisch unterernährt. 

Maria hätte ihren eigenen Mann kaum erkannt. Seine tiefe, wenn auch im damalig gegenwärtigen Zustand viel schwächere Stimme jedoch, war der eindeutige Beweis – ihr Mann war zurück aus der Gefangenschaft. Aus dem Krieg. Einen Krieg, in den er nie wollte, an dessen Motive und Rechtfertigung er nie geglaubt hatte. Tragische Pflicht verändert.

Ein gegenseitiges Anstarren zwischen Stiegenhaus und Wohnraum.

Kein sofortiges Umarmen. Überwältigende Größe an Zusammenspiel verschiedenster Gefühle.   Keine Tränen. Kein Hollywood würdiges Wiedersehen. Eine lang ersehnte Heimkehr betäubt mit der Beklommenheit der Situation. Zwei Buben schauen neugierig um die Ecke – fragende Gesichter. Dass es der Vater ist versteht der achtjährige Klein-Michael nicht. Der vierjährige Erich kennt den Mann gar nicht.

Neustart. Liebe 2.0 – wie man heute sagen würde.

Die Entbehrungen, die Geschichten wie diese wahre Begebenheit mit sich bringen, kann man kaum auflisten. Nicht ohne Kopfschütteln. Nicht ohne Tränen in den Augen, auch wenn man es selbst nicht erlebt hat. An die Erzählungen kann ich mich aber gut erinnern, auch wenn ich selbst erst sieben Jahre alt war, als mein geliebter Opa – der Heimkehrer – 1979 bereits verstarb. An eine Aussage kann ich mich besonders erinnern, auch wenn sie vielen nicht gefallen wird, aber sein Martyrium gut beschreibt:

Mein Vater, „Klein-Michael“ öffnete in unser aller Anwesenheit bei einem Besuch von Opa in derselben sehr kleinen Wohnung in Graz unaufgefordert, nicht um Erlaubnis fragend ein Fenster. Die Luft des Wohnraums war zum Schneiden dick verraucht. Mein Opa hustete entsprechend und meinte schließlich:

Mach‘ das Fenster zu! Erfroren sind schon viele, ‚erstunken‘ noch niemand!“ 

Heute demonstrieren Menschen gegen Maßnahmen von Regierungen im Kampf gegen Covid-19. Demonstrieren, weil sie sich ihrer Meinung nach nicht so frei bewegen dürfen, wie sie meinen, dass es ihnen trotz der Gefährdung von Menschenleben ihrer eigenen Gesellschaft und weltweit der Menschheit zusteht. Sie demonstrieren, regen sich auf, weil sie nicht so ausführlich feiern dürfen, wie sie das gewohnt sind und wie sie das wollen.

Was genau wird da eigentlich andauernd gefeiert?

Hoffentlich, dass es den meisten von uns – immer noch – so gut geht …


… a long-awaited homecoming.

At the front door of a very small apartment in Graz, Maria heard a tentative knock and opened the door …

In Europe, the fighting of World War II had been over for four years and a half years when Michael found his way to Graz, and therefore home, after his being held captive in Russia. The soiled clothes hung on his thin body as on a scarecrow. At 5’10” tall and thirty-seven years old, he was tragically malnourished with a weight of 105 pounds.

Maria would hardly have recognized her own husband. His deep voice, even though being much weaker in its current state, was the clear proof – her husband was back from imprisonment. From the war. A war, he never wanted to be in, in which motives and justification he had never believed. Tragic duty changes people.

A mutual stare lingered between the staircase and hall.

No instant hugging. Overwhelming scope of interplay of different feelings. No tears. Not a Hollywood-worthy reunion. A long-awaited homecoming numbed with the trepidation of the situation. Two boys look curiously around the corner – questioning faces. Eight-year-old little Michael doesn’t understand that it’s dad. The four-year-old Erich doesn’t even know the man.

Restart. Love 2.0 – as one would say today.

The hardships, that make true stories, can hardly be put in writing. Not without shaking your head. Not without tears in your eyes, even if you haven’t experienced it yourself. I can remember the stories well, even though I only have been seven-years-old when my beloved grandpa – the homecomer – died in 1979. I can especially remember one statement, even if it will not please many, but it describes his martyrdom very well:

My father, „little Michael“, opened a window in the presence of all of us when we visited my Grandpa one time at the same very small apartment in Graz without being asked to and not asking for permission. The air in the living room was full of thick smoke a knife couldn’t cut. My grandpa coughed accordingly and finally said:

Close the window! Many have already frozen to death, no one has ever died from stink yet!

Today people demonstrate against measures taken by governments in the fight against Covid-19. Demonstrate because, in their opinion, not being allowed to move as freely as they think they deserve, despite the endangerment of human lives in their own society and humanity worldwide. They demonstrate and get upset because they are not allowed to celebrate as extensively as they are used to and as they repeatedly as they want to.

What exactly is being celebrated all the time?

Hopefully, that most of us – still – are doing so well … 

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