… eine ’spektakuläre‘ Notlüge und ihre Konsequenzen.

Bitte jetzt keinen Actionfilm erwarten, aber Kinder können sehr mutig und erfinderisch sein, um eine Geschichte zu verteidigen, dass sie auch vor eine Notlüge nicht zurückschrecken.

Es ist ein Frühsommertag in den frühen 80ger Jahren. Ein Zwölfjähriger und seine vier Jahre jüngere Schwester bekommen das Vertrauen der Eltern, alleine daheim gelassen werden zu können. Das ist eine ein Vertrauensvorschuss, der die Kinder stark macht und sie sind beflügelt, brav zu sein. Die Aufgaben werden gemacht. Alles ordentlich weggeräumt, die Schultaschen gepackt für den nächsten Tag. Bald würden Ferien sein. Hurra!

Jeder der beiden macht schließlich, was ihnen Freude macht – mit Puppen und mit Autos spielen, lesen. Fernsehen dürfen sie nicht. 

Schließlich gehen beide nach draußen, weil es auch wirklich ein schöner Tag ist und der Junge hat die Idee, Federball zu spielen. Klar, die Schwester ist gleich Feuer und Flamme – das will sie auch. Ermuntert von der Begeisterung der Schwester will er sie – selbst ein bisschen zu bequem und als Älterer auch die Situation ein bisschen ausnutzend – ins Haus schicken, um die Schläger und Bälle dafür zu holen. Die kleinere Schwester aber wehrt sich und meint, es wäre seine Idee gewesen, also soll er alles holen. Genervt und zu faul, ums Haus herumzugehen zur Haustüre, klettert der Bursche die Wand hoch zum offenen Fenster seines Kinderzimmers und schafft es mit Ach und Krach, sich durch das Fenster ins Haus zu hieven. Leider hinterlässt er dabei einen Schuhabdruck auf dem Verputz der weißen Außenwand. Schmutzig. Verschmiert. Oje. Keine guten Nachrichten. Das fällt auf.

Mensch, da wird Papa sicher schimpfen. Was mach ich den jetzt?„, fiebert der Bub der Ankunft der Eltern entgegen. Mama drückt ein Auge zu. Aber Papa? 

Da hören die Kinder das Auto der Eltern die Einfahrt herauffahren. Das Mädchen sieht, wie ihr Bruder nervös wird. Wieder einmal hat er sich wegen seiner Bequemlichkeit in eine dumme Situation gebracht. 

Die Eltern merken gleich, dass etwas ‚im Busch war‘. Was ist los? – Da sieht der Vater schon den Fleck auf der schönen weißen Wand prangern. Sofort wendet er sich dem Jungen zu.

Man kann Euch nicht alleine lassen! Das warst doch Du!“ 

Logisch. Wer sonst hätte es sein sollen? Erstens wusste er, wie sein Sohn gestrickt ist und außerdem ist das Mädchen zu klein. Da kommt wie aus der Pistole geschossen die unglaubliche – ja unverfrorene – Behauptung von dem Mädchen, dass sie es gewesen wäre. Sie wollte die Schuld auf sich nehmen und eventuellen Hausarrest für ihren Bruder vermeiden. Vielleicht verzeiht mir Papa einfach, denkt sie. Aber darauf geht der Papa nicht so einfach ein.

Das warst also Du?! – OK, dann beweise es! Ich möchte gerne sehen, wie Du das gemacht haben willst.“

Herausforderung pur. Der Bruder schaut entsetzt zur Schwester. Er weiß gar nicht, was er tun soll. Wenn er jetzt gesteht, stellt er ja seine Schwester als Lügnerin hin, obwohl ja eigentlich er den Mist gebaut hatte. Aber er kommt gar nicht dazu, darüber nachzudenken, denn seine Schwester stampft plötzlich mit selbstsicheren Schritt Richtung Gartengarnitur, schnappt sich einen Sessel und ohne es für sich selbst zu wissen, demonstriert sie mit dem Glück des Augenblicks, wie sie sich selbst mit Hilfe des Sessels über die Mauer, durch das offene Fenster ins Haus befördern konnte. Den Herzschlag, den sie dabei fühlt, hätten ihre Eltern aber nicht hören dürfen – es ist ein 100%iges Schuldeingeständnis dafür, dass sie alle – aus Not in der Geschwisterliebe – nun belog. 

Irgendwie musste es aber überzeugend gewesen sein. Die Eltern glauben ihr, dass es sich so zugetragen haben könnte, obwohl sie wissen, dass das eigentlich nicht die Art und Weise war, wie sich ihre Tochter sonst verhält. Der Vater schaut sie an und meint, dass dies der größte Blödsinn sei, so etwas zu tun. Sie hätte sich verletzen können und das wiederum hätte ihn und Mama weh getan. An das hatte das Mädchen natürlich nicht gedacht.

Viele Jahre – ja Jahrzehnte – später, gestanden der erwachsene Sohn und seine Schwester bei Erzählungen aus der Kindheit, dass es sich anders zugetragen hatte.

Die Eltern meinten nur: „Das ist keine Neuigkeit für uns. Uns war wichtiger, Euren geschwisterlichen Zusammenhalt zu sehen und zu wissen, dass ihr beide daraus gelernt hattet.“

Und das hatten beide.

Mein Bruder war sich nie mehr zu bequem, etwas zu tun. Im Gegenteil – seit diesem Tag ist er der hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne. 

Und ich hatte gelernt – trotz der Kreativität und Temperament des Moments -, abzuwägen, dass es schmerzliche Konsequenzen geben könnte, wenn man einfach nur loslegt.


… a ’spectacular‘ white lie and its consequences.

Please don’t expect an action film now, but children can be very brave and inventive enough to defend a story that they won’t shy away from a white lie.

It is an early summer day in the early 1980s. A twelve-year-old and his four-year-old sister get the parents‘ trust that they can be left at home alone. This is a leap of faith that makes the children strong and they are inspired to be good. The homework is done. Everything neatly put away, the school bags packed for the next day. There would be holidays soon. Hooray!

After all, each of the two does what they enjoy – playing with dolls and cars, reading. They are not allowed to watch TV.

Eventually they both go outside because it’s a really nice day and the boy has the idea to play badminton. Instantly, the sister is all for it – she likes that too. Encouraged by the sister’s enthusiasm, he wants to send her into the house – a little too lacy himself and – as the elder – trying to take a little bid advantage of the situation – to fetch the rackets and balls for it. The younger sister defends herself and says that it was his idea, so he should get everything. Annoyed and too lazy to go around the house to the front door, the boy climbs up the wall to the open window of his room and manages to heave himself through it into the house. Unfortunately, he leaves a shoe print on the plaster of the white outer wall. Dirty. Smeared. Oh dear. Bad news. That stands out.

Man, Dad will certainly scold me. What do I do now?“ The boy feverishly awaits the arrival of his parents. Mama will turn a blind eye. But Dad?

The children hear their parents‘ car pulling up the driveway. The girl sees her brother getting nervous. Once again, he has put himself in a stupid position because of his sluggishness.

The parents immediately notice that something was ‘not quite right’. What’s happening? Then the father realizes the stain on the beautiful white wall. Immediately he turns to the boy.

You kids cannot be left alone! That was you!

Logical. Who else should it have been? First of all, he knows what his son was made of and besides, the girl is too small. Then comes the unbelievable – yes unashamed – claim from the girl that it was her. She wanted to take the blame and avoid possible house arrest for her brother. Maybe Papa might just forgive me, she thinks. But Papa does not respond to that so easily.

„So, that was you?! – OK, then prove it! I would like to see how you want to have done that.“

Pure challenge. The brother looks at the sister in horror. He doesn’t even know what to do. If he confesses now, he is portraying his sister as a liar, even though he had actually screwed up. But he gets no further to think about it, because his sister suddenly stomps confidently in the direction of the garden furniture, grabs an armchair and without knowing it for herself, she full of effort demonstrates with the luck of the moment how she helped herself with the armchair over the wall through the open window into the house. Her parents shouldn’t have heard the heartbeat she feels doing so – it is a 100% admission of guilt lying to everyone – out of necessity for the sisterly love for her brother.

Somehow it must have been convincing. The parents believe that it could have happened this way, even though they know that is actually not the way their daughter usually behaved. The father looks at her and says that this was the greatest nonsense to do something like that. She could have hurt herself and in return would have hurt him and mom. Of course, the girl hadn’t thought of that.

Many years – even decades – later, the adult son and his sister confessed while telling stories from their childhood that it had happened differently.

The parents just said: “This is not news to us. It was more important to us to see your brotherly and sisterly solidarity and to know that you both had learned from it.”

And both had.

My brother was never too lazy anymore doing something. Quite the opposite – from this very day on, he is the most helpful person I know.

And I had learned – despite the creativity and effervescence of the moment – to weigh that there could be painful consequences if you just get started without considering them first.

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