… ein kleines Schwarzes.

Eindeutig eine Frauengeschichte.

Da stand ich nun. Mit der Nase zwar nicht an die Fensterscheibe gedrückt mit meinem 22 Jahren, aber viel fehlte nicht. Meine Augen sondierten die Auslage dieses für mich damals sündteuren Geschäftes und fanden das Objekt meiner Begierde nicht mehr. Diese Tatsache versetzte mir dieses schmerzvolle Gefühl eines soeben emotional erlittenen Magenstrudels.

War ich zu spät? Jetzt, wo ich mich endlich durchgerungen hatte, nicht nur das Geld aufzubringen, sondern auch die Courage, diesen ‚Store‘ überhaupt zu betreten, um mir einen Wunsch, ja Traum zu erfüllen? 

Das konnte nicht sein. Ich wollte es nicht glauben. Plötzlich erhaschte mich meine eigene Mimik im Spiegelbild des Schaufensters. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir auf die Unterlippe biss. Reingard, das ist wieder mal so typisch!

Zu lange gewartet. Gelegenheit vertan. Wunschtraum aufgelöst. 

Aber so konnte ich diese gesamt geballte Mutansammlung der letzten vierzehn Tage auch nicht einfach verpulvern. Ich ballte meine Fäuste, überwand meine letzte Phobie, nicht als Kundin in dieses Geschäft zu passen, und trat durch die Tür.

Eine nette, sehr schlanke blonde Dame fragte nach meinen Wünschen.

„Wenn die wüsste!“, dachte ich nur. Schließlich beschrieb ich ihr dieses immens großartige, schnörkellose, einfach perfekte, kleine schwarze Kleid, das vor Kurzem noch in der Auslage gewesen war. Sie fragte mich, welches Fenster es war und ging schnurstracks zu meinem kleinen Schwarzen und nahm es samt Kleiderbügel, um es mir zu geben. Ich berührte den Stoff. Himmlisch. 

Die Verkäuferin zeigte mir die Umkleidekabine, und ich verschwand darin mit nur einer Hoffnung – dieses Kleid musste einfach passen! Und es passte.

Es war damals meine teuerste je getane Ausgabe, konnte es mir eigentlich nicht leisten und war einfach nur glücklich.

Wie lange dieses Glück hielt? 

Nun, abends zeigte ich es stolz meiner Mama, und sie bot an, es vor dem ersten Tragen im Feinwäscheprogramm zu waschen. Ich wies darauf hin, dass es nur per Hand gewaschen werden sollte. Sie überzeugte mich, dass es nicht notwendig sei – sie wusch alles Feine, auch ihren Seidenpulli mit diesem Programm.

Also gut. Das Kleid ging in die Feinwäsche – leicht und schön fallender Stoff, der mich schweben ließ. Heraus kam ein nasser harter unbeweglicher Brocken schwarzen Gewebes. Steif wie ein Brett und eingegangen bis auf zwei Drittel der originalen Länge und ein Drittel der Breite des Kleides.

Ich war sprachlos mit Tränen in den Augen. Ärger, Wut, Verzweiflung breiteten sich aus. Eine der seltenen echten Auseinandersetzungen mit meiner Mama. Ich war am Boden zerstört. Trotzdem versuchte sie mich zu beruhigen. Ich sollte einmal abwarten, bis das Kleid trocken war. 

Was sollte ich da denn abwarten? Dass ich es wie ein Holzscheit auf’s Feuer zum Verbrennen legen kann? Und den Geldbetrag, den ich sozusagen den Waschmaschinenabfluss hinuntergespült hatte gleich noch obendrauf aus Anzündhilfe? 

Ich wollte es nicht mehr sehen. Es dauerte gezählte drei Tage, bis das Kleid trocken war. Aber nach diesen drei Tagen kam meine Mama zu mir ins Zimmer und bewegte das Kleid, bügelfrei und trotzdem glatt und schwungvoll schön, duftig und sauber bei der Tür herein. 

Das Material hatte sich komplett zur Normalität gewandelt und erstrahlte im buntesten Schwarz, das ich je gesehen hatte.

Ich umarmte meine Mama, entschuldigte mich für meine Auswüchse der Verzweiflung der vergangenen Tage, und dass ich ihr nicht vertraut hatte. Sie und das Kleid umarmend, lernte ich, dass man nicht immer gleich verzweifeln musste, wenn etwas vermeintlich schiefgelaufen war, Geduld ein wichtiger Faktor im Verständnis von Prozessen war und ich jedenfalls jederzeit gute Figur ein meinem ersten kleinen Schwarzen machen würde. 

Es hängt nach wie vor in meinem Kleiderschrank und hat mir schon viel Freude bereitet. Jedes Mal, wenn ich es mit dem Feinwaschgang meiner eigenen Maschine gewaschen hatte, lächelte ich über die mädchenhafte Verzweiflung von damals, und wie weit ich seitdem gekommen war – in der Einschätzung materieller Wichtigkeit und tatsächlicher Werte.

Ach ja, und Mut wird belohnt.


… there was a little black dress.

Clearly a women’s story.

There I stood now. With my nose not pressed against the window at the age of 22, but not by much. My eyes examined the display of this for me very expensive business at the time and no longer found the object of my desire. This fact gave me the painful feeling of a gastric vortex that I had just suffered emotionally. 

Was I too late? Now that I had finally made up my mind not only to raise the money, but also the courage to even enter this store in order to fulfill a wish, even a dream?

It couldn’t be. I didn’t want to believe it. Suddenly I caught my own facial expression in the reflection of the shop window. I caught myself biting my lower lip. Reingard, that’s so typical. Again.

Waited too long. Missed opportunity. A dream just vanished.

But I couldn’t just waste all of this accumulation of courage over the past fourteen days that way. I clenched my fists, overcame my last phobia of not being a fitting customer of this shop, and stepped through the door.

A nice, very slim blonde lady asked how to help me.

“If only she knew!”, I just thought. Finally, I described that immensely magnificent without frills simply perfect little black dress that had recently been on display. She asked me which window it has been and went straight to my little black dress and took it to give it to me. I touched the fabric. Heavenly.

The saleswoman showed me the changing room, and I disappeared into it with only one hope – this dress just had to fit! And it did.

It was my most posh expense at the time, I couldn’t actually afford it and was just happy.

How long this happiness lasted? 

In the evening, I proudly showed it to my mom, and she offered to wash it in the delicate cycle before wearing it for the first time. I pointed out that it should only be hand washed. She convinced me that that wasn’t necessary – she washed everything fine, including her silk sweater, with this program.

All right then. The dress went into the delicate wash – light and beautifully falling fabric that made me float. The result was a wet, hard, immobile chunk of black tissue. Stiff as a board and shrunk to two thirds of the original length of the dress.

I was speechless with tears in my eyes. Anger, rage, and despair spread. One of the rare real arguments with my mom. I was devastated. Still, she tried to calm me down. I should wait until the dress was dry.

What should I wait there? That I can put it on the fire like a log to burn? And the amount of money that I had washed down the washing machine drain, so to speak, on top of that for lighting aid?

I didn’t want to see it anymore. It took a counted three days for the dress to dry. After these three days my mom came into my room and presented the dress, non-ironed, yet smooth and swinging, beautiful, fragrant and clean, through the door.

The material had completely changed to normal and shone in the most colorful black that I had ever seen.

I hugged my mom, apologizing for my excesses of desperation over the past few days and for not trusting her. Hugging her and the dress, I learned that you don’t always have to get desperate when something supposedly went wrong, that patience was an important factor in understanding processes and that I would always look good in my first little black dress.

It’s still hanging in my closet and has given me a lot of pleasure. Every time I washed it on my own machine’s delicate cycle, I smiled at the girlish desperation from back then and how far I’d come since then – in assessing material importance and actual values.

Oh yeah, and courage does pay off.

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