… eine andere Art des Verstehens.

Kleine Geste, gute Hilfe.

Irgendwann im Frühjahr 2014 hat mich ein Interesse eingeholt, mit dem ich schon längere Zeit innerlich befasst war. Hausarbeit stand auf dem Programm und ich hatte den Fernseher eingeschaltet. Es lief ein Film, der sich mit dem Thema Gehörlosigkeit und Gebärdensprache befasst. 

Das Erlernen dieser besonderen Sprache interessierte mich schon seit einiger Zeit, obwohl ich nie in eine Situation gekommen war, die dieses Interesse unmittelbar gerechtfertigt hätte. Das sollte sich bereits am darauffolgenden Tag ändern:

Ich hatte in der Stadt zu tun und war unter anderem in einem Postamt, wo ich ein Paket aufzugeben hatte. Nur ein Schalter war besetzt und ich war die dritte in der Warteschlange. Wie immer war ich ein wenig unter Zeitdruck, aber nicht genug, um mein Vorhaben abzubrechen. Endlich kam der junge Mann vor mir an die Reihe, und es schien von Anfang an Kommunikationsschwierigkeiten zu geben. 

Was war da los? Wusste er nicht, was er wollte? 

Meine Uhr hatte all meine Aufmerksamkeit. Ich versuche immer Abstand zu nehmen von den Angelegenheiten von anderen Kunden vor mir, wenn ich in einer Bank, Post oder einem Amt bin. Der junge Mann schien mit Händen und Füßen zu reden. Das erfasste dann doch meine Aufmerksamkeit mehr als die verrinnende Zeit. Vielleicht war er der deutschen Sprache nicht mächtig und eventuell konnte ich mit Englisch aushelfen? Da bin ich immer gerne bereit, unterstützend einzugreifen, wenn es nicht aufdringlich erscheint und hilft.

Ich weiß, wie schwer es manchmal ist, die richtigen Worte zu finden oder etwas zu vermitteln, wenn man etwas unbedingt ausdrücken will und einem der richtige Ausdruck oder das richtige Verb fehlt, dies zu tun. Man zieht sich dann gleich einmal zurück; Aufgeben und es irgendwie anders versuchen und ein anderes Mal ist oft die Folge. Nicht zu vergessen, die Enttäuschung über sich selbst und die eigenen Grenzen. 

Konnte ich also helfen?

Es stellte sich heraus, ich konnte es nicht. Ich realisierte, dass der junge Mann eine Sprache nutze, der ich nicht mächtig war. Die Gebärdensprache. Da stand ich nun – hilflos. Hilfloser als er, da mich das Schicksal dieses Menschen irgendwie persönlich traf. Einen Tag davor noch sah ich diesen Film und dachte mir, wie interessant es wäre, diese Sprache zu erlernen. Ich sah mich um? War jemand hier der Gebärdensprache mächtig? 

Allen Mut zusammennehmend fragte ich in die Warteschlange: “Spricht jemand hier die Gebärdensprache?

Da sah die Postangestellte zu mir, und sie hatte einen Anflug von Erleichterung im Gesicht. Sie bat den jungen Mann mit einer Handbewegung, wie man jeden kommunizierenden Menschen auffordert, zu warten. Nicht einmal eine Minute später kehrte sie mit einer Kollegin zurück und diese sprach die Sprache des Gehörlosen. 

Ich war innerlich bewegt, erleichtert, dass geholfen werden konnte. Irgendwie war ich froh, dass ich diese Zivilcourage aufgebracht hatte, diese Frage laut auszusprechen. Außerdem fasste ich in diesem Moment den Entschluss diese Sprache lernen zu wollen, und zwar auf Deutsch und Englisch. 

Am selben Nachmittag begann ich mit allerlei Recherchen, las mich in das Thema ein über die Gebärdensprache, über Gehörlosigkeit, über die Schwierigkeiten wegen Gehörminderung, die von Geburt an besteht, überhaupt sprechen zu lernen. Ich involvierte meine Familie und auch eine liebe Nachbarin, die in ihrem Studium mit dem Erlernen der Gebärdensprache befasst war.

Sie verhalf mir zu einem tollen Buch („Der Schrei der Möwe“ von Emmanuelle Laborit). Es sollte nicht das einzige Buch bleiben, das ich in diesem Zusammenhang kaufte. Dazu kamen Bücher über die Deutsche und die Amerikanische Gebärdensprache, DVDs; ich lud mir Apps auf mein Smartphone, mein Tablet und meinen Laptop, die mit Videos helfen, die Gesten richtig zu machen. Ich erlernte das internationale Alphabet und der beste Weg, dies zu tun, ist vor dem Spiegel, um die Gesten ‚live’ zu beobachten.

Ich wollte noch im Herbst mit meinem Studium beginnen. Selbst in einer Universität von Colorado/USA bin ich registriert, um irgendwann mit einem Fernstudium beginnen zu können.

Mir kam dann im Jahr 2014 einiges ‚dazwischen’. Privater Natur. Beruflicher Natur. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich diesem Thema intensiver widmen würde.

Wenn man eine andere Sprache nicht spricht, kann man sich noch immer mit Gesten, Wortfetzen und sanften, lauten, bestimmenden, beschaulichen Tonlagen in der Stimme weiterhelfen, um jemandem beizustehen, ein Problem zu lösen. Bei gehörlosen Menschen fällt das komplett weg.

Auch wenn ich dieses Studium offiziell nie begonnen habe, da sich Lebenswege anders kreuzten, als ich es geplant hatte, so lehre ich mich selbst immer wieder mit der einen oder anderen Geste und häufigen Zeichen.

Vielleicht kann ich für irgendjemand einmal einen positiven Unterschied machen.


… there was another way of understanding.

Little gesture, good help.

Sometime during the spring of 2014, a long-time interest of mine caught up with me which I had engaged myself for quite a while. Housework had to be done and I had the TV on in the background. There was a movie that concerned itself with the subject of acquired deafness and Sign Language.

For some time, I had been interested to learn this specific language, although I never had been in a situation, whichwould have justified this immediate interest. This would change the very next day:

I had to run several errands in the city, and among them I went to the Post Office where I wanted to mail a package. There was only one counter open and I was third in line. As always I was a bit time constraint, but not enough to cancel my endeavor. Finally it was the turn of the young man ahead of me – and from the very beginning it seemed that there was some kind of communication problem.

What was going on? Didn’t he know what he wanted?

My watch had my full attention. I always try to keep my distance from the business of a client ahead of me when I am in a bank, a Post- or some other office. The young guy seemed to talk with his hands and legs – which finally drew my attention more than the passing time. Maybe he didn’t know German and I could help with English? I am always glad to step in to support if it helps – and I don’t appear pushy.

I know how difficult it is sometimes to convey a message, trying to find the right word or verb to express exactly what you want. It is easy to back out in situations like this, which end up more often than not in giving-up or trying things differently another time, not to forget the disappointment about yourself and your very own limits.

So – could I help?

As it turned out, I couldn’t. I realized that the young man used a language I was not able to offer. Sign Language. Here I was standing – helpless – even more helpless than him because he knew about his fate, which somehow touched me personally. Just the day before I had seen that movie and was thinking how interesting it would be to learn this language. I looked around. Could anybody speak Sign Language?

I gathered all my courage and asked out loud into the waiting crowd: „Does anybody know Sign Language?

The girl from the Post Office looked up to me and I could see a hint of relief in her face. She asked her client to wait a moment, using a gesture how all communicating people do. Less than a minute later she returned with a colleague of hers who actually spoke Sign Language. 

I was touched, relieved that there was help. Somehow, I was happy that I had taken this little bit of courage to ask that question out loud. In this very moment I came to a decision: I want to learn this language, both in German as well as English. 

The same afternoon I started various kinds of research, started to read more specifics about Sign Language, deafness, and about difficulties of Hearing Impairment from birth onto even being able to learn to speak. I involved my family and a very nice neighbor who had learned Sign Language during her time in college.

She was the one to get me a great book („The Caw of the Seagull“ by Emmanuelle Laborit). It wouldn’t remain the only book that I purchased concerning this subject. Added were books about German and American Sign Language, DVDs, I downloaded apps on my smartphone, my tablet as well as on my laptop, which help to do the ‘gestures’ correctly. I learned the international alphabet – and the best way to do so is in front of a mirror watching your gestures ‚live‘.

I wanted to start at the University that same fall. I even registered myself at a college in Colorado/USA to start an online study in the future.

The year 2014, however, had some surprises for me – of private nature as well as job-related. But it was only a question of time until I would dedicate myself more intensively to this subject. 

If you don’t speak different languages, you can still help yourself with gestures, parts of words and smooth, loud, firm, contemplative sound pitches in your voice to support someone to solve a situation. Yet, with strongly hearing impaired or deaf people this fails completely. 

Even though I have never officially started this Uni-course because life paths crossed differently than I had planned, I keep on teaching myself the one or the other gesture and frequent signs.

Maybe I can make a positive difference for someone someday.

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